Die intensivsten Momente in meinem Leben sind die, wenn mir das Glück zuteilt wird, Verbindung mit den Seelen aufzunehmen, die hinter mir stehen. Man setzt sich an das Piano und lässt die Finger ihre Melodie finden. Man lässt los. Und wenn man das Glück hat, dass die Seelen sich einem zeigen wollen, fängt man an, Kunst zu teilen. Es sind dann nicht mehr die eigenen Melodien, die sich manifestieren. Es sind Verwebungen aus all dem, was in dem Moment um einen herum passiert. Beeinflusst aus den Strömungen, die zu der Zeit und an dem Raum fließen. Unwiederbringlich. Es sind Momente voller Schönheit, Trauer, Lebenslust, Freude und Sehnsucht. Und mit viel Glück erkennt man in den Strömungen die Reflexionen der Seelen, die gerade mit einem den Moment teilen. Wie Spiegelbilder, gebrochen auf dem Wasser.
Man kann sich in solch glücklichen Zufällen nur dem Moment ergeben und darauf hoffen, dass das Aufnahmegerät läuft. Unmöglich, den Moment später wieder zu erschaffen. Unmöglich, die Melodie in seinem Kopf festzuhalten, um sie später Note für Note wiedergeben zu können. Der Moment ist flüchtig und so auch die Melodie…
Es war an einem wundervollen Abend an einem Wochenende, an dem mir so ein Moment widerfahren ist. Ich war mit liebgewonnenen Gefährten für den Abend zu einer rauschenden zeitlosen Tanzveranstaltung verabredet, ganz im Stile der 60-Jahre gehalten. Musik, zu denen auch schon frühere Generationen getanzt haben: Beach Boys, Chubby Checker, Fats Domino, gemischt mit Pulp Fiction, Amy Winehouse und anderen Perlen. Sie sollte erst gegen kurz vor Mitternacht beginnen, somit blieben mir noch ein paar Stunden zu meiner eigenen Verfügung. Ich hatte den ganzen Tag schon hindurch das unbestimmte Gefühl, dass meine Seelen mich besuchen kommen wollten. So ergab das einen in seiner wunderbaren Einfachheit perfekten Plan. Für paar Stunden wie ein Schmetterlingsfänger die Momente einzufangen, die einem sich anbieten. Dazu ein Glas Rotwein. Um anschließend mit seiner Beute und dem Gefühl, seinen Weg wieder ein paar Schritte weitergegangen zu sein, sich dem Abend zu ergeben das Beste zu genießen, was die letzten vierzig Jahre musikalisch zu bieten hatten.
Der Plan war perfekt, er war einfach. Und er funktionierte. Besser als ich dachte. Und genau das war das Problem…
Wir haben eine Sammlung von all unseren Ideen; Skizzen, Textpassagen und einzelne Wörter. Vieles davon noch unvollständig, mit Kanten, und darauf wartend, irgendwann zu reifen und zu wachsen. Da war die Idee von einem Anrufbeantworter, auf denen die Anrufe von einer Frau zu hören waren, die versucht, ihren Mann nach einem Streit zu erreichen. Der Anrufbeantworter gehörte ihm und wurde nie abgehört…
Ich hatte schon oft über die Idee nachgedacht, aber fühlte jedesmal, dass der Moment jetzt noch nicht gekommen war. Aber genau an dem Abend bin ich an ihr hängengeblieben und ich war abenteuerlustig. Ich setzte mich an die Instrumente und ließ die Finger spielen. Schon kurze Zeit später hatte ich ein Ambiente und einen Rhythmus, der eine perfekte Bühne für die Idee lieferte. Mein Alter Ego aus der My Skeleton Friend-Welt hatte wieder zugeschlagen und einen inspirierenden industrial-electro-verrauschten Downtempo-Rhythmus hingelegt, der perfekt diese Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung ausdrückte: Jemand nicht erreichen zu können und es immer und immer wieder zu probieren, obwohl man ganz genau weiß, dass auch der nächste Anruf unbeantwortet bleiben soll. Allein an dem Punkt waren ein paar Schritte auf dem Weg schon getan, und es hätte für einen perfekten Abend gereicht. Aber es sollte alles ganz anders kommen…
Man muß wissen, der größte Traum vieler Musiker ist es, die perfekte Melodie zu finden. Mir geht es auf jeden Fall so. Ich schaltete das Aufnahmegerät ein und ließ im Hintergrund den Rhythmus laufen und wollten sehen, was das Piano mir dazu sagen wollte. Und da war sie. Die ersten Noten. Diese einfache Melodie, die sich perfekt an den Rhythmus anschmiegte. Die sich entwickeln wollte. Die sich Refrain für Refrain mehr preisgab. Der Moment war gekommen, unerwartet aber darauf hoffend. Ich war mehr Zuhörer als Musiker, war gebannt davon, wie sich das Stück entwickelte. Die Seelen zeigten sich. Sie wollten mir etwas geben, mir etwas in mir zeigen. All die Sehnsucht und die Trauer, die mich antreibt. Mir zeigen, was für eine kraftvolle Energiequelle diese ungebändigten Emotionen sind. Mir einen kurzen Blick darauf erhaschen zu lassen, was passiert, wenn diese Gefühle unkontrollierbar werden. Wenn zuviele Anrufe nicht angenommen werden, wenn man sich der Hoffnung in den nächsten Anruf hingibt, genau wissend, dass diese Hoffnung zum Scheitern verurteilt ist. Wenn die Hoffnungslosigkeit die Handlungen bestimmen, sie einen nicht mehr loslassen und wieder und wieder dazu zwingen, die Spirale in die eigene Dunkelheit weiter zu beschreiten.
Nach knapp vier Minuten war die letzte Note gespielt, das Stück in nur einem Take aufgenommen. Ich merkte, wie Tränen versuchten, sich herauszudrücken. Einzelne schafften es. Ich spürte gleichzeitig unendliche Trauer aber auch unheimliches Glück, diesen Moment genießen zu können. Ich stoppte das Aufnahmegerät und brauchte erstmal ein paar Minuten und eine Zigarette, um Abstand zwischen mir und der Erfahrung zu bringen. Zu dem Zeitpunkt war es schon kurz nach zehn Uhr abends, in knapp einer dreiviertel Stunde sollte ich bereits abgeholt werden.
Und genau an dem Punkt hatte der Plan so perfekt funktioniert, dass er letztendlich nicht funktionieren konnte. Wie sollte man nach so einer Erfahrung voller Sehnsucht und Trauer ein rauschendes Fest überstehen? Und vor allem: Wie kann man seine Stimmung tarnen, ohne zu viel von sich preisgeben zu müssen, was einem gerade widerfahren ist? Wenn man noch nicht bereit dazu ist, darüber sprechen zu wollen?
Ich sage nur so viel, dass es mir letztendlich gelungen ist. Dabei spielten allerdings eine nicht unwesentlich große Menge an Rotwein in nur einer dreiviertel Stunde eine wesentliche Rolle…
Das Fest gab mir genügend Abwechselung, um die vorherigen Stunden zu verdauen. Allein und zu Fuß auf dem Heimweg, froh, den Abend überstanden zu haben, hatte ich meine Musik dabei. Ich wählte das Stück aus, was ich ein paar Stunden zuvor eingespielt hatte. Dieses Mal, allein und unter Sternenhimmel, gab dieses Stück mit seiner einfachen, sich entwickelnden Melodie mir einen wunderbaren süßen Hauch voller Sehnsucht und Trauer, eine Erinnerung daran, was Stunden zuvor passiert war.
Am nächsten Tag saß ich wieder an “Missed Calls” und hatte es nach nur ein paar Stunden geschliffen und das Arrangement fertig. Ein paar Tage später früh morgens trat ich eine längere Reise an. Die Morgendämmerung war nebelverhangen und ich sah aus dem Fenster heraus, wie die Landschaft an mir vorbei gleitete. Ich wollte mich wieder dem Stück stellen und legte es ein. Und er war wieder da, dieser süße Hauch. Ich merkte, wie er sich in meinem Gedanken festsetzte, wie er mich in diese Landschaft voller Sehnsucht und Trauer hineinziehen wollte. Ich hörte es insgesamt drei oder vier Mal hintereinander, es wollte mich einfach nicht mehr loslassen. Irgendwann schaffte ich es.
Es ist für mich heute immer noch schwer, dieses Stück zu hören. Ich habe sogar etwas Angst davor, dieses Stück auf der Bühne aufzuführen, weil ich weiß, wie es nur darauf lauert, mich zu überwältigen. Aber es sind genau die Momente im Leben, an denen man merkt, dass man lebt. Wenn Dinge eintreten, auf die man hofft und die man erwartet – wie Telefonanrufe – und sie dann nicht so sind, wie zu sein scheinen.
Es gibt vieles, was ich an diesem Abend gelernt habe: Dass auch ich das Glück habe, dass mich ab und an perfekte Melodien besuchen. Wie größere Mengen an Alkohol dazu beitragen können, den Schein seiner Seele aufzuhellen. Und vor allem, dass es keine perfekten Pläne gibt. Denn perfekte Pläne sind nur Illusion, denn sie können besser funktionieren, als man erwartet – oder befürchtet.